Berichte und Erinnerungen der ehemaligen Seemannsschüler Falkenstein aus Ihrer Seefahrtzeit
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Habe hier einen ganz tollen Bericht über Christian Kandlers Seefahrtzeit,die leider sehr kurz war und sollte man seinen Aussagen glauben,bereut er es sehr,das die Zeit so kurz war.Kann ich aber nach vollziehen,habe den selben Fehler auch gemacht,obwohl meine Zeit doch immerhin 9 Jahre betrug.Der größte bestandteil dieses Berichtes gehört der "Etha Rickmers",also nicht so viel von der Seemannsschule,aber das ist auch egal,es fing ja alles mit der Seemannsschule an und da hatte man eben die kürzeste Zeit seiner Seefahrtzeit verbracht.Also,freut Euch auf einen tollen Zeitzeugenbericht über Christian's Seefahrtzeit und ich selber bedanke mich auch über diese tolle Story.Vielleicht findet das ja nachahmer,würde mich sehr darrüber freuen.

 

Meine Seefahrt 1963/64:
In der Mosesfabrik „Falkenstein“ und als Moses und sieben Tage als Jungmann an Bord der „Etha Rickmers“ Wenn ich gewußt hätte, was nach meiner Seefahrt alles auf mich zugekommen ist,wäre ich mit Sicherheit weiter zur See gefahren. Leider hat und konnte mich keiner an Land beraten.So hat meine weitere Berufsausbildung und mein Leben im Grunde genommen eine Schlangenlinie erleben müssen, bis sie sich zu einer für alle und für mich besonders gradlinigen Bahn verlief.Aber, wie ihr alle wisst, und wie es uns allen ergeht, ich hätte eine andere Gefährtin meines Lebens gefunden.Der Schicksal spielt also eine sehr große Rolle. Wir können es nicht beeinflussen.So hat es sich in der dem Menschen eigenen Weise ergeben.Wir haben uns nicht gesucht und doch gefunden.Ob ich gerade sie, die ich heute von ganzem Herzen liebe, je gefunden hätte?Eins weiß ich jedoch heute, ich habe bei der Seefahrt viel verpaßt.Wie hat das alles angefangen, das fragt man sich selbst ?Ich habe sehr schnell lesen gelernt und konnte daher sofort die Zeitung lesen.Und irgendwann wurde ich als kleiner Junge krank. Das passierte damals in den 40ern und 50ern schon mal öfters, es gab ja noch nicht, jedenfalls in Deutschland,die entsprechenden Gegenmittel. Wir hatten gerade einen Krieg verloren.So lag ich nun darnieder. Da holte mein Vater vom Dachboden den geretteten „Graf Luckner“ „Seeteufel“. Ich habe ihn gefressen. Und dann irgendwann später holte er den Kapitän „Karl Kircheiß“ mit seiner Weltumseglung.Ich war hin und weg.Dann ein Robinson Crusoe von der Nenntante Erna. Die Ausgabe aus 1800 Schnee.Und alles natürlich in Fraktur.Wie oft ich meine Luckners und Kircheiße gelesen habe weiß ich nicht mehr.Zehnmal reichen nicht.Mein Berufsziel stand fest: die Seefahrt.Dazwischen galt es allerdings einige Hürden zu bewältigen.Ich hatte es gerade so mit miesesten Ergebnissen auf das Gymnasium geschafft.1945 war ein geburtenarmer Jahrgang, das war mein Pech oder Glück. Alle wurden genommen.
Es war eine Qual, Englisch, Latein, Mathe und ich hatte keinerlei Antrieb.Im Grund genommen haben alle Fächer mich nicht interessiert.Um es klar auszudrücken, sie haben mich angekotzt.Schon in der „Volksschule“ war das der Fall gewesen, das ganze System stimmte und stimmt bis heute nicht.Ohrfeigen vom Lehrer, als ich das meiner Mutter erzählte war sie erschreckt, aber als herzensgute Frau im katholischen Glauben erzogen, hat sie es hingenommen.Anders mein Vater, als der zum erstenmal hörte daß der Pfaffe meinem Bruder,seinen Lieblingssohn, eine geklatscht hatte, hat er ihm Schläge angedroht. Aber er war auch nie kirchengläubig gewesen und schon mit zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten.Danach hatten wir beide es wesentlich leichter.Religion mit dem Auswendiglernen christlicher Lieder war einfach widerlich, aber ich wurde ja nicht mehr abgehört.Vor Beginn der zweiten Klasse hatte ich sowieso noch nie etwas von Gott oder Jesus gehört.Mit Rasierklinge und Stecknadel Blätter zu bestimmen in Biologie. Spannend !!! und das in der Quinta ( sechste Klasse).Ich habe gelitten unter der Schule. Seltene Höhepunkte halfen mir die Tiefen zuüberstehen. Alle Lehrer hatten ihre Wunden aus dem Krieg physische wie psychische.Bis zur mittleren Reife hatte ich endlich ein wenig die Logik des Lateins (später hatdas mir sehr viel geholfen) verstanden und ich wurde besser, dann ging aber es auch im April 1963 nichts wie raus der Schule.Ich hatte meinen Vater bereits im Februar 1963 vierzehn Tage jeden Tag nach seiner Arbeit bearbeitet „Ich will zur See“, daraufhin wurde er weich und hat mich an der Seemannschule angemeldet. Vorher noch der Amtsarzt Kassel: „können Sie mich hören:geflüstert eins fünf“.Ich habe dann an der Tankstelle meines Vaters gearbeitet bis zum Beginn der Schule.

 

Beginn der Seemansschule Falkenstein am 01.07.1963
Ich habe sie von Anfang an gemocht, es war eine gute Anstalt, in der wir Schüler ausgebildet wurden. Den Geruch des Takelbodens mit dem Manilatauwerk habe ich heute noch in der Nase.Von meinem Bruder dem Kapitän (er hat erst fünfzehn Jahre später nach mir dieSeefahrt kennengelernt) habe ich heute noch Manilahanf. Gerne schnüffle ich daran.Irre! Die straffe Ordnung in der Seemannsschule Falkenstein ist mir nie schwer gefallen.Ich fand sie gewachsen. Wir waren ohne Ausnahme an der gleichen Sacheinteressiert.Dagegen hat mich die Bundeswehr angeekelt, weil ich keinen Sinn erkennen konnte,war ich doch besseres gewohnt.Der Leiter Kapitän Richter führte ein strenges Regiment.Wir hatten alle das Lehrbuch „Decksarbeit“ von seinem Vorgänger Kapitän Ernst Wagner, ein mehr auf die Arbeit auf Segelschiffen ausgerichtetes Buch. Ich beantragte mir von meinem Konto den Betrag zum Kauf für ein Buch der Seeberufsgenossenschaft das „Matrosen ABC“ auszuhändigen. Was folgte war ein Verhör, wieso ich mir ausgerechnet das Buch (unausgesprochen der Arbeitnehmervertreter) kaufen wollte. Ich habe mich durchgesetzt.Ein gutaussehender Mitschüler erzählte mir im Vertrauen, daß er am einem vergangenen Wochenende mit Freddy Quinn und anderen auf einer Yacht auf der Elbe gesegelt sei. Es wäre sehr schön gewesen. Kurz darauf habe ich ihn nicht mehr wieder gesehen.Während unserer Ausbildungszeit hatte sich Kpt. Richter ein kleines Segelboot zugelegt, es lag bei uns im Hafen, ich habe ihn darum beneidet.Fünfzehn Jahre später hatte ich selbst das gleiche Boot ein Finn Dinghy.In den Monaten Juli bis September hatten wir gutes Wetter.Wir sind mit unseren Kuttern auf der Elbe gesegelt und schwimmen gewesen. Nur zum Hahnöfersand durften wir nicht, dort war die Jugendarrestanstalt.An Wochenenden beobachteten wir dir Segler auf der Elbe, wie sie kenterten und wieder rausgeholt wurden.Ich habe das Kentern, bzw. das Umschlagen auf dem Finn gelernt. Am Ende wurde ich nicht nasser als bis zu den Knien. Heute segle ich ein kleines schnelles Kielboot,einen Yngling. Wenn der ins Gleiten kommt fängt er an zu brummen durch die Vibrationen.Die Schule hatte einen engen Kontakt zur Sietaswerft. Auch ich hatte mich gemeldet auf einem Kümo zu fahren. Dort herrschten bei Neubauten der Sietaswerft familiäre Verhältnisse, da die Kümos von heimischen Familien aus den Landen bereedert und deren bekannten Nautikern befahren wurden Die zukünftigen Mosesse nahmen an den Jungfernfahrten teil und musterten dann dort auch an.Das durchkreuzte mein Vater. Er besuchte mich und sprach mit dem Kapitän Richter unserem Schulleiter. Das Gespräch muß folgenden Verlauf genommen haben:„Der fährt doch sowieso nur einmal, lassen Sie ihn mal weit aus fahren, dann kommt er von alleine zurück.“Das Ergebnis war, ich fuhr bei Rickmers mit. Auf Deubel komm raus. Mit einem Ausbildungsvertrag, den ich eigentlich durch die Kümofahrerei umgehen wollte.Denn entweder sechs Monate Kümo oder Ausbildungsvertrag über zwei Jahre bei einer Reederei um bei der dreijährigen Ausbildung zum Matrosen die Kümofahrerei zu umgehen.An die Ausbildung an Bord hat sich nach zwei Monaten von der Reederei keiner mehr gehalten.Nach der Seemannsschule wieder Arbeit an der Tankstelle bis zum Beginn desAnmusterns auf der Etha. Ich hatte meinen Vater nicht durchschaut.

 

Auf der „Etha“ 11.11 1963
Meine Eltern hatten mich an Bord der „Etha“ abgeliefert.Meine Mutter heulte noch „ mein Minchen“. Ich war ihr Erstgeborener und wie sie auch noch zu anfangs Belgier.Der Erste brachte mich nach Achtern in die Mannschaftsmesse.Da saßen sie die Matrosen zur nachmittäglichen Smoketime.Der gerade eben zum Jungmann gewordene Moses nahm sich meiner an: dann kannst Du ja gleich weiter abwaschen, oder so etwas Ähnliches.Ich tat, wie mir befohlen. Gott sei dank hat er abgemustert. Er hatte etwas von einem Schinder in seinem Charakter.Die Arbeit war leicht zu lernen, Geschirr spülen, abwaschen, Brot schneiden, Kaffee machen (später die Zichorie so dosieren, daß es keiner merkte) und auf- und abräumen. Die Messe aufwischen oder alternativ die Mannschafträume reinigen.Und das Tag für Tag.Und ich mußte die Sprache lernen, denn die Umgangssprache war Platt.Wir lagen noch in Hamburg und kamen dann ins Schwimmdock. Alle Schotten waren offen, ich habe die erste Nacht vor Krach, die Diesel liefen, kaum ein Auge zugemacht.Eines nachts ging die Tür auf, unser Zweiter guckte sturzbesoffen rein: „Hei Moses,willste mal f…..“. Mein Kumpel und ich hatten keinen Bedarf, und ich war sowieso noch Jungfrau. Von ihm weiß ich es nicht.Das war der erste ernüchternde erste Eindruck der Seefahrerei.Abends gingen wir auf Rolle in Hamburg.Mein Moseskollege war da fitter als ich, er kam aus Berlin und hatte dort schon den Duft der großen weiten Welt mit den Amerikanern kennengelernt.Wir gingen in den „Top Ten“ Beat Club. Es war furchtbar, diese Musik gefiel mir nicht.Ich kannte nur den Hessischen Rundfunk und der war 1963 noch nicht soweit gewesen Rock´n Roll oder Beat zu präsentieren.Zu meinem achtzehnten (15.11.1963) meinte der Kumpel :„man feiert das nur einmal“.Ich kaufte vier Flaschen Bier, ich kostete eine, den Rest trank er. Ich kannte nur Zitronenlimonade.Auf einer Werft nebenan lag eine neuer Zerstörer der Bundesmarine im Bau. Wir haben ihn Nachts besichtigt. Überall standen verpackte Klosetts rum und nur Enge.Am Ende mußten wir uns beeilen, weil die Wachleute kamen.Nebenbei ein Stapellauf, so etwas kannte ich auch nur aus Filmen und habe es auch nie wieder gesehen.

 

Auslaufen Hamburg, November 1963
Morgens ein Blick aus dem Fenster, grünes vernebeltes Elbufer.Dann auf die Nordsee, leer in Ballast. Windstärke neun, ein Vorgeschmack auf die See. Der Kasten stampfte, jedes soundsovielte Mal schlug er auf die Wellen auf.Ich mußte die Kammern der Mannschaft reinigen, zuerst mit einem Eimer für den Abfall, kurz darauf mit zweiten. „Moses, Du siehst ja schlecht aus.“ „ach ja mir gehts gut.“Ich habe mir, wie man so schön sagt, die Seele aus dem Leib gekotzt.Abends kurz nach dem Abendessen Kursänderung Südwest Richtung Kanal,der Wind kam jetzt von Steuerbord vorn, das Schiff rollte jetzt nur noch. Sofort überkam mich ein Heißhunger, ich aß sofort die restlichen Zitronenscheiben vom Abendtee.


Einlaufen Dünkirchen
Die Maschine lief rückwärts, ich kannte das noch nicht, das rumpelte und bockte, die Schraube wühlte Sand vom Grund in die grüne See. Ich fragte einen der Matrosen was ist denn das, lakonisch antwortete er, so macht das Schiff immer, wenn es über Grund geht.Es war Outsche (Otto). Eine Seele von Kamel, einfach gestrickt. Er hatte, damals aktuell, Kinseys Sexual Report mit. Er hatte damit wohl Probleme.
In Dünkirchen nahmen wir Dünger für China auf, ca. 11.000 Tonnen, eine schwimmende Bombe.Dann die Nachricht Kennedy ist erschossen worden. Alle Schiffe flaggten auf Halbmast. Wir bekamen damals noch Nachrichten per Funk, also eine kleine Zeitung in Stichworten alle paar Tage.Dann ab nach Suez. Im Sturm durch die Biscaya. Es war ja Winter.Durch mein Pantryfenster nach achtern sah ich beim Abwasch abwechselnd die See oder den Himmel.Übergeben mußte ich mich nicht mehr, aber ich bekam Hitzewallungen und Schweißausbrüche.Nach und nach legte sich das aber und ich war doch recht kurzzeitig „seefest“ Heute kann ich das von mir nicht mehr behaupten. Aber vierzig Jahre hat es vorgehalten.In der Straße von Gibraltar ein U-Boot, von uns aus gesehen ein winziger Punkt. Ich habe es fotografiert.Im Winter durch das Mittelmeer und den Suez, das Wetter wurde besser.

 

Der Suezkanal und das Rote Meer
Das erste mal, rechts und links nur Wüste und dazwischen nicht abgespülte Tellerund Tassen in meiner Pantry.Dann das roteMeer.Hier jetzt ein Bericht an den Hessischen Rundfunk aus dem südlichen roten Meer:„Ich möchte ein interessantes Erlebnis zu MW-Empfang auf See berichten.Ich bin ein Baujahr 1945. Schon als kleiner Junge hatte ich einen eigenen Volksempfänger,bis er denn kaputt war, repariert hat das keiner mehr, es war einfach kein Geld dafür da.1963/64 fuhr ich als Moses auf der MS „Etha Rickmers“.Wir waren in der südlichen Rotsee. ( Der Seemann sagt See zu Meer, nicht aber zuOzeanen) Es war ein Donnerstagabend, so etwa sieben Uhr MEZ, ich hatte dieMannschaftsmesse gerade aufgeklart ( auf deutsch alle Tassen und Teller und die Tische abgewaschen). Da fiel mir ein, schaltest doch mal unser nie genutztes Superradio mit dreiKurzwellenbereichen und natürlich auch Lang- und Mittelwelle ein.Unsere aus heutiger Sicht größtenteils doch recht einfältigen Matrosen haben das Gerät nicht ein einziges Mal eingeschaltet !Und ich hatte so ein tolles Radio vorher noch nie gesehen.Um die Zeit lief nämlich im Hessischen Rundfunk immer die Schlagerbörse mit Hans Werres (später Programmdirektor Unterhaltung im HR).Gedacht, getan und tatsächlich auf 594 kHz höre ich ca. dreitausend Kilometer von zu hause entfernt die Schlagerbörse mit ihm.Mir ist es eiskalt in den Tropen über den Rücken gelaufen.Aber es ging noch weiter.Als die Sendung vorbei war, ein ungetrübter Genuß war es nicht unbedingt gewesen, habe ich fleißig weitergekurbelt und die Wellen so ein bißschen abgesucht.Auf einmal hörte ich einen Sender auf Kurzwelle der ununterbrochen die drei Strophen von„Kiss me, honey, honey, kiss me Thrill me, honey, honey, thrill me Don't care even if I blow my top But, honey, honey, don't stop „herunterdudelte. Ich habe es viel länger als eine viertel Stunde ausgehalten.Bis heute habe ich mir keinen Reim darauf machen können. Es wird nach diesen Jahren auch keine Erklärung dafür mehr zu finden sein. In Südostasien haben wir vieleamerikanische Schlager gehört, in China waren alle ausländischen Sender gestört. Soweitdie Mittel- und Kurzwelle auf See.“

 

Bunkern in Djibouti
Die kleineren Häfen wie Djibouti wurden von uns mit Stückgut beliefert. Wir Seeleute wußten nicht, was sich in den Stückgutcollies befand. Wir fuhren aber die Häfen regelmäßig an.Dann die Indische See. Etwas herrlicheres als diesen Ozean habe ich nicht erlebt.Warm, starker Wind, wir auf unserem Schiff waren eine Einheit mit der See, das sich mit seinen Schraubenumdrehungen den jeweiligen Zielen näherte.Die Mannschaftsmesse und die dazugehörige Pantry waren achtern an Backbord, im Gang ein Telefon. Durch diesen Gang kamen immer die Maschinisten zu zweit mit eine Tonne an einer Stange, sie war zu schwer für einen und kippten sie achtern in die See. Altöl aus den Maschinen. Aus heutiger Sicht eine Katastrophe ! An Steuerbord durften sie nicht gehen, dort war nämlich die Offiziersmesse mit den Stewards und Messboys.Ein weiteres Unding, aber im Vergleich zu dessen harmlos war die Fulbraas. Das war ein ca. fünf Meter langer Sack aus Leinen oder Hanf in den die Essensreste während der Hafenliegezeiten gekippt wurden. Nach dem Auslaufen in tieferes Wasser wurde die Reißleine gezogen.Wegen der Hitze und der ausgeschwitzten Flüssigkeit hatten wir in unserer Pantry im Eisschrank immer einen Riesentopf mit Sirup und Wasser, das Zeug nannte sich„Kujambel“. So schmeckte es auch.Zwischen der Offiziers- und der Mannschaftsmesse die Küche.Der Koch mochte unseren Bootsmann Uwe Gasow nicht und umgekehrt.Der Koch spuckte demonstrativ vor mir seine Eierspeise.Wenn ich das dem Bootsmann gesagt hätte, hätten die beide sich geprügelt und ich hätte vom Koch noch eine Tracht dazu bekommen, weil ich ihn verpfiffen hätte.Diplomatischerweise habe ich die Schnauze gehalten. Den Mut ihm ins Gesicht zu sagen, das gebe ich weiter, hatte ich auch nicht.Mit unserem Bäcker dagegen verstand ich mich gut. Wir hatten gegenseitig unsere Spitznamen.Der Bootsmann und unser Zimmermann Gutkowski spielten einmal pro Woche mit dem Alten Monopoly. Da war ein direkter Draht von unten nach oben geschaltet.Der Alte „Kapitän Witt“ war sowie ein ausgekochter Fuchs, max. 1,65 Meter groß hatte er alles im Griff. Ein Kümofahrer sprach ihn aus Gewohnheit mit „Käptn“ an,das verbat er sich aber knallhart: „Für Sie Herr Kapitän“.Aber für die Rickmersreederei hatte er seine Meriten.Er war der erste Kapitän der Rickmersfahrer, der nach dem zweiten Weltkrieg nicht südlich um Taiwan fuhr sondern direkt die „Formosastraße“ nutzte, zwischen Rotchina und Taiwan.Bei der Durchfahrt wurden wir allerdings jedesmal von den Amerikanern gestoppt und kontrolliert: „What Ship, Destination ?“ Alles per Lichtmorsen und der Zerstörerumkreiste uns. Im Morgendunst, schön gespenstig.Das ersparte der Reederei allerdings Geld und Zeit, vor allem Geld, denn Zeit spieltedamals nicht so eine große Rolle.

 
Einlaufen Malakkastraße
Es war Weihnachten 1963.Große Kochpötte wurden aufgeheizt mit Punsch für alle und der Kapitän schenkte uns Mannschaften je zwei Päckchen Gloria Zigaretten. Das erste verschenkte ich noch, dann nach ein paar Gläsern Punsch, das zweite aufgemacht, ein paar Züge und anschließend 25 Jahre geraucht.Im Verkauf waren diese Glorias später nicht mehr, wir haben Winston geraucht.Ich vermute das waren Restbestände, die der Alte loswerden wollte und warscheinlich irgendwo besonders preiswert eingekauft hatte.

 

Einlaufen Bangkok
Das ist ein eigenes Kapitel ! Wir liefen den Menam River mit der Tide hoch, festmachen in Bangkok.Vorher noch Versammlung in der Mannschaftsmesse: Der Alte las uns denParagraphen 111 aus dem Seemannsgesetz vor, das Motto es ist verboten fremde Personen mit an Bord zu nehmen. Der wußte, was gleich abgehen würde.Danach haben wir ihn in Bangkok eine Woche lang nicht gesehen.Ich hatte so oft wie immer Backschaftsdienst und war achtern an Bord.Der Messmurphy aus der Offiziersmesse forderte mich auf ihm zu helfen.Ich hatte keine Ahnung worum es ging.Los achtern, die Lotsenleiter runter gelassen. Kaum getan, kamen die langen Boote der Thais an und eine junge, hübsche Frau nach der anderen kam an Bord. Es dauerte nicht lang und unsere Mannschaftmesse war ein Basar auf dem die Frauen verschachert wurden.Allen voran der Messsteward, der die Frauen auf die Kammern der Ingenieure verteilte, die noch in der Maschine arbeiteten ! Dazwischen die Matrosen, die sich kurz von Deck stahlen und den Mädels ihre Schlüssel gaben und die Kammern zuwiesen.Dann mittendrin vorn drin im Quergang Kuddel Lange unser Zweiter mit einemKarton „Gloria Tropenfest“ Präservativen zu mir: „Hier Moses, vier dir reichen doch.“Ich habe nicht einen benutzt.Mama San die Puffmutter hatte mich gleich als unerfahrenen Dummen in unserem Basar ausgeguckt und wollte mir ein kleines Pummelchen 12/13 Jahre alt andrehen,es guckte mich angsterfüllt an, als Dreingabe sollte ich einen Liter Coca Cola bekommen. Diese Größe kannten wir damals noch nicht.Das war mir unerfahrenen denn doch zuviel. Ich habe ich mich aus dieser Angelegenheit herausgezogen und mir eine erfahrene 28jährige ausgesucht.Nur die war so clever und hat mich am nächsten Tag um meine restlichen 100 Bath(20,00DM) gebracht. Danach war ich in Bangkok pleite. Ich war ja ein armer Moses,aber um eine Lebenserfahrung reicher.
Nur hat es mir nicht geschadet. Ich war ja ein lieber Junge und ließ bei mir auch Frauen in der Kammer auf der Bank schlafen und ihnen passierte nichts, sie baten nur um eine Decke, unsere Klimatisierung waren sie nicht gewöhnt und froren.Oder ich gab einer ein Mittagessen, was über war. Bei der nächsten Fahrt hat sie mich wiedererkannt und mich herzlich begrüßt. Ich habe kein Wort verstanden, aber sie muß folgendes gesagt haben: “Du hast mir damals ein Essen gegeben, ich dankedir.“Eine weitere hatte sich in mich achtzehnjährigen verguckt und schrieb mir ihre genaue Adresse auf und schenkte ein Foto, auch sie war schon ein wenig älter als ich. Vielleicht hoffte sie, daß ich sie irgendwann mitnähme. Sie muß es sehr ernst gemeint haben, denn die Adresse war genau. Wir sind nicht miteinander in die Koje gegangen, sie hat mich auch so gemocht. Ihr Name war Eow Sintana.Ich habe es vergessen wie „sie“ hieß, auch sie hat bei mir übernachtet, sie war so jung wie ich. Da es ja kühl bei uns war kam sie zu mir in die Koje und auf mich und unter die Decke im gemeinsamen Rhythmus schaltete sie die Kojenleuchte an und aus. Es hat mich keinen Baht gekostet und uns beiden eine Riesenfreude bereitet.Ich kann nur von mir behaupten ich habe diese Mädels (Frauen), sie waren ja in etwa meinem Alter nie als Huren betrachtet, klar wir hatten unsere Freude mit ihnen, wir haben sie jedoch als liebe Menschen wahrgenommen und nicht verachtend.Im Gegenteil Bangkok war damals unser Höhepunkt, wenn die jungen Frauen zu uns kamen. Mit dem Verdienten haben sie lediglich ihre Familien, Mütter und Kinder ernährt. Das sind eigene Erfahrungen.Erst heute beim Niederschreiben dieser Erlebnisse fällt mir auf, daß mein Moseskollege abends nie an Bord war. Der war ein Ecke cleverer als ich. Vielleicht war er andersherum gestrickt.

 

Hongkong Kanton Shanghai
Unsere Düngerladung haben wir in China dort abgeladen, wo sie gebraucht wurde.An die Häfen erinnere ich mich nicht mehr, es waren einige und im Gegensatz zur zweiten war es eine schnelle Reise. Es ist zu bemerken, daß die Schiffe damals mit Baggern in China entladen wurden.Kurz vor Hamburg telegrafierte ich nach hause „ bitte einen Mohnstollen“, die Mannschaft lachte, von wegen Postgeheimnis.Aber die Eltern hatten es verstanden. Mein Vater holte mich mit unserem Mercedes ab und so kam ich auch zurück.


Hamburg März 1964
Mit unserem Schwergutbaum nahmen wir gleich eine Henschellokomotive aus Kassel als Deckslast. Die „Etha“ beugte sich um achtzehn Grad zur Seite.Dann nach Newport in den Bristolkanal. Das ganze Schiff wurde mit Walzblechen für China beladen.Abends gings an Land.Eine elektrische Hafenlokomotive kam mir hafeneinwärts entgegen, Anhalterdaumen nach oben, auswärts. Dann kam sie zurück und hielt, ich stieg ein und der Führerstand war voll mit englischen Arbeitern, das war echte Solidarität, die fragten nicht lange, sie handelten.Abends im Hafenpub. Ein Riesensaal alles voll mit unseren Hafenarbeitern in ihren Anzügen, die sie auch an der Arbeit anhatten, alle verstaubt und dreckig. Aber Stimmung und Musik. 22.30h Last Order Please.Rostfahren durften wir nicht, während sie arbeiteten. Dann haben sie ihre Arbeit niedergelegt und eine Abordnung kam zu uns, es ging nur weiter, wenn wir unseren Krach eingestellt hatten.Mein Moseskollege und ich hatten zwei englische Mädels in Newport aufgerissen und wir waren mit ihnen in ihrem Haus. Abgesehen, daß ich zu doof war mit einer was anzufangen, war ich betroffen über das Haus. Solche Lebensbedingungen in einem zivilisierten Land hatte ich nicht erwartet. Gepinkelt wurde in der Küchenecke.Von meinem Restgeld der Rückreise meiner ersten Fahrt hatte ich mir ein kleines Loewe Opta Tonbandgerät erbeten, ich bekam es mit den neuesten Beatlessongs.Mein Bruder hatte es ausprobiert und eine Reihe der neuesten Songs aufgespielt.Endlich begriff ich es: das war Musik. Und dann in einer Beathalle in England „Can´tbuy Me Love“. Tolle Musik. Nur die Mädels wollten nicht mit uns tanzen.


Zurück nach Hamburg
Wieder ein neuer Koch, der alte hatte sowieso die Nase voll von unserem Bootsmann, der kurzzeitige Koch Hamburg Newcastle Hamburg, ein älterer Herr,wurde abgemustert, er war wohl der Aufgabe nicht gewachsen.Hamburg: Übernahme einer zweiten Henschellok, Beide wurden unter Deck verfrachtet.Und der neue Koch.Erneut Ausfahrt Hamburg.An Portugal vorbei, dort nahm ich aus dem Radio per Mikrofon von den Beatles „With Love from Me to You“, zwar atmosphärisch leicht gestört, aber gut auf.Um das phantastische Kap Sao Vincente in Portugal herum nach Ceuta bunkern,dann nördlich Sizilien an den Liparischen Inseln (Vulcano) vorbei durch die Straße von Messina direkt ins Montenegrinische Zelenika.Monte Negro ankern auf Reede Unser Auftrag war zwei Schnellboote für Kambodscha zu laden mit unserem 165 to Schwergutbaum. Nur das klappte nicht sogleich. Einige Zentimeter fehlten und wir bekamen die Boote nicht über die Verschanzung.Guter Rat ist nicht preiswert sondern wirklich teuer, es wurden zwei neue Quertraversen vor Ort angefertigt, sie waren wesentlich niedriger geschnitten. Das dauerte insgesamt drei Tage. Danach konnten wir weiterfahren.Und hinten im letzten Laderaum einen Opel Record Modell A für Doktor Hugentobler in China.Wir gingen jedenfalls per Fährboot unbesorgt an Land und genossen es, allerdings nur einen Abend.Wir waren in einer herzlichen Kneipe in Zelenika, alle waren in einer guten Stimmung, die Yugos ebenso. Ein Scherenschleifer, der Deutsch sprach,brachte mir eine Angebetete, die sich aber nichts aus mir machte, mit „melodovinia gospodischnia „ anzureden, was soviel wie allergnädigstes Fräulein heißen sollte.Genutzt hat es nichts.Leicht trunken machten wir, der Murphy und ich, uns auf den Heimweg.An einer Straßenkreuzung stand ein Motorrad und auch einer unserer Maschineningenieure. „Ein deutscher Ingenieur bekommt doch so ein Motorrad in Gang!“Wie aus heiterem Himmel stand ein baumlanger Polizist neben ihm, während er nochversuchte das Motorrad anzutreten. „L a s s e n  S i e  d a s .D a s  d ü r f e n  S i e  n i c h t  t u n“.Meinen nicht mehr so ganz nüchternen Messmurphy nahm ich an die Hand und imLaufschritt zur Bucht, wo das Fährboot lag. Weg von diesem Unglücksort.Dort waren Gräben gezogen zur See hin. Er sprang hinein.“ Ich schwimme jetzt rüber.“ Er schwamm gottseidank nur quer zum Graben. Auf mein verzweifeltes Rufen„Du ertrinkst“ kam er tatsächlich zurück.Ich habe dann die schlafenden Fährleute geweckt, die um ein offenes, ausgehendes Feuer in einer Hütte auf dem Boden schliefen. Es bestand nur noch aus Glut und ich habe das Boot selbst zu unserem Schiff gesteuert.Die ganze Geschichte ging so aus, wir bekamen Landgangsverbot und der Ing. mußte 280,00 DM Strafe bezahlen.Die beiden Schnellboote waren an Bord plus ihrer vier Yugoslawischen Begleiter und einem kleinen Laderaum voll hochexplosiver Munition.
 

Dann wieder der Suezkanal und Djibouti.Dazwischen noch Einlaufen in Port Sudan.
Auch dort gab es einen Seemannsclub, nur kein Vergleich mit China. Wir haben dort gebadet bis die Außenluft kälter wurde als die Wassertemperatur. Zu Trinken gab es rote Zuckerlimonade. Furchtbar.Die Hitze hat mir nicht gut getan, trotz Hütchen habe ich einen Hitzschlag erlitten.Ich fiel einfach um und sah etwas um mich kreisen, das war es dann. Ich bin erst am nächsten Morgen in meiner Koje aufgewacht. Mein Moseskollege war ebenfalls umgekippt.Der Kapitän kam in unsere Kammer, wir hatten beide schon wieder geraucht. Seine erste Frage galt danach. Gottseidank der anwesende Messboy sagte er wärs.Im Hafen jedoch war es phantastisch die kreisenden Fischschwärme unter dem Schiff zu beobachten. Ab und zu kam ein Geschoß aus der Tiefe und holte sich seinen Teil.Was mich da besonders beeindruckte waren die Menschen, sie waren zwar dunkelhäutig, hatten aber durchaus europäische Gesichtsformen. Mit ihren Handwurfnetzen holten sie mal gerade handtellergroße Fischchen heraus, während sich im Hafenbecken Riesenschwärme tummelten.Mir kam damals die Frage auf, wieso Menschen, die so aussehen wie wir unter solchen erbärmlichen Bedingungen leben müssen.Andererseits haben wir den Gesang der schwarzen Hafenarbeiter nachgemacht, dievom Land kamen und die Haare mit Lehm verklebt hatten. Nur so lang bis uns einOffizieller ein unmißverständliches Zeichen gab.Soweit zum gesellschaftskritischen Weltbild eines Decksjungen von 1964.


Einlaufen Djibouti,einige Meilen südlicher
Wir waren gerade beim Festmachen als ein französicher Musikdampfer herausfuhr.Es war schon tropische Nacht. Der hatte im Hafen bereits eine derartige Fahrt aufgenommen und sog uns mit.Unsere Stahlleinen brachen. Als Springs hatten wir nämlich Stahlleinen.So sind sie halt unsere Kollegen, manchesmal.Danach geschäftiges Treiben, die Leinen mußten sofort ersetzt werden.Glücklicherweise ist keiner verletzt worden.Tagsüber habe ich mit einem Fleischstück, einer Wurfleine und einem Fleischerhaken versucht Haie zu angeln, die haben sich einfach nicht an die Regelngehalten und angebissen. Man konnte sie von oben neben dem Schiff im klaren Wasser am Grund beobachten.Rettungsbootsübung.Ich mußte wohl Decksdienst gehabt haben, jedenfalls durfte ich mit ins Rettungsbootund wir fuhren eine Zeitlang im Hafen von Djibouti spazieren. Ein Delfin sprang ab und zu um uns aus dem Wasser heraus, ich dachte zuerst es sei ein Hai.All das im Frühjahr in einem herrlichen tropischen Seeklima.Hier muß ich einiges zu unserem Schiff erklären.Die „ETHA“ hatte geteilte Aufbauten, vorn die Brücke und Achteraufbauten über der Maschine.Sie hatte 8507 BRT und konnte ca. 11.000 Tonnen laden, eine Länge 155 m und eine Breite von 18,50 Metern. Am Brückenaufbau waren achtern an Steuer- und Backbordgroße Türme für unseren Schwergutbaum angebracht. Er brachte es auf 165 to.Vor der Brücke hatten wir zwei Laderäume. Der erste als Süßöltank ausgelegt aber auch normal nutzbar.Der zweite mit aber zwei Zwischendecks. Alle konnten gekühlt werden. Die entsprechende Technik war unter dem Brückenaufbau.Logischerweise hatten wir auch einen Kühlingenieur an Bord.Der dritte Raum hinter der Brücke hatte nur ein Zwischendeck und war für die Schwersttransporte ausgelegt. Die Schauerleute haben große Augen bekommen,wenn sie in die unendliche Tiefe schauten. Er faßte über 4000 Ladetonnen. Die Schauerleute in Dünkirchen mußten ihn mit Dünger beladen und die China mitSojabohnen.Die Henschellokomotiven haben wir für die Überfahrt nach Übernahme der zweiten in Hamburg beide auf das Zwischendeck dieses Raumes verfrachtet. Wie schonbeschrieben bei der Übernahme krängte das Schiff gewaltig.Der vierte Raum vor dem Achteraufbau hatte zwei Zwischendecks, zwischen den beiden mittschiffs gelegenen Räumen hatten wir zusätzlich zum normalen Ladegeschirr noch einen 30 to Schwergutbaum. Bei meinen beiden Fahrten habe iches nicht erlebt, daß er genutzt wurde.Achtern hatten wir noch einen kleineren Laderaum, er wurde nur mit Stückgut gefüllt,wie zum Beispiel der Opel für Dr. Hugentobler in China und vieles andere. Alle Zwischenaufenthalte wurden von dort bedient.Genau genommen waren wir ein Trampdampfer nur auf der Route Europa China undHäfen dazwischen.Und wir haben für alle Häfen, die auf unserer Route lagen, Ladung mitgenommen.Alle Luken hatten McGregor Lukendecke, bis auf die Achterluke.Ganz achtern hatten wir noch einen ganz kleinen Laderaum aus vermessungstechnischen Gründen. Dieser Raum hatte einen besonderen Namen,den ich aber vergessen habe. Er war nach achtern nur mit Holzplanken gegen die See geschützt. Er war mit irgendwelchem Gerümpel gefüllt.Irgendwo dahinten gab es auch eine Waschmaschine mit Dampf beheizt.Zu meiner Schande muß ich gestehen, sehr oft habe ich sie nicht benutzt. Als Besatzung waren wir ca. 44 deutsche Seeleute, ca. die Hälfte davon Decksleute.Noch ein paar Worte zu meiner Person.Ich war mit siebzehn als behüteter Junge an Bord gekommen und habe mich ebensounbeholfen benommen. Dementsprechend war auch mein Ruf.Beim Brückendienst fragte mich der Erste „ob denn der Kandler nach der Fahrt abmustern würde?“ Meine Antwort war, aber das bin ich doch. Er hat mich nur groß angeguckt. Er dachte der andere Moses sei es. Der war ja bekanntermaßen ausgebuffter als ich.Aber sowas dauert ja auch nicht ewig, irgendwann hatte ich mich eingelebt undverstand auch das an Bord übliche Platt und die Arbeit ging auch einigermaßen gut von der Hand.Als Mosesse hatten wir jeweils eine Woche Innen- und eine Decksdienst. Ich war in zur Vierachtwache zugeteilt. Da wir jeden Tag zutörnten, das heißt auch tagsüber arbeiteten wir, konnte ich während des Decksdienstes nur zwischen acht abends und vier Uhr morgens schlafen. Auf der Fahrt nach Osten fehlte jeden zweiten Tag dann auch noch eine Stunde Schlaf. Es fiel mir nicht leicht.

 

Etha Rickmers 1963/64

© C.Kandler

Etha Rickmers 1963/64

© C.Kandler

Etha Rickmers 1963/64

© C.Kandler

Etha Rickmers 1963/64

© C.Kandler

 

Die Indische See
Die Fahrt im Frühjahr 1964 über den Indischen Ozean war das schönste, was sich ein Seemann so vorstellen kann, herrlicher Sonnenschein, warme Sommertage mitSeeklima, fliegende Fische und schwere Delphine, die neben uns ins Wasser klatschten.Teilweise die See spiegelglatt, kaum nachvollziehbar. Oder einige Kilometer glatt,dann kaum sichtbar leicht gekräuselt und sofort wieder spiegelglatt. Und das
stundenlang.Dazu tagsüber wolkenloser Himmel und nachts sternklarer Himmel.Morgens um sechs Uhr ging die Mannschaft an Deck und erwartete den Sonnenaufgang, der sich innerhalb von fünf Minuten in den Tropen abspielte.Ein grandioses Schauspiel ! In viertem der für die Verstauung der Lukendeckel des geöffneten McGregor Luks vorgesehenen Raums hatten wir an die Schienen des Luks seitlich große Blechplatten angebracht und Seewasser wurde laufend rein gepumpt. In unserer Freizeit haben wir mittags und bis spät abends dort geplanscht. Nebenbei rollte Kasten auch noch, so hatten wir da drin Wellengang. Mittags und nach der täglichen Arbeit war das der reinste Urlaub.Nach einigen Tagen wurde die Angelegenheit beendet, angeblich war der Frischwasserverbrauch durch das Duschen danach zu groß. Dabei hatten wir eine Salzwasseraufbereitungsanlage an Bord, betrieben durch die Maschinenabwärme.So war die Freude vorbei.Zu meinem Wachdienst gehörte die Messung der Wassertemperatur mittel eines Lots zu meinen morgendlichen Aufgaben. Es waren nie unter 27,5 Grad Celsius.Abends nach dem Sonnenuntergang mußte ich nach dem Decksdienst auf dieBrücke und auf der Backbordnock Ausguck gehen, das waren herrliche Stunden.Nach und nach durfte ich unter der Aufsicht des Wachhabenden auch Ruder gehen.Ab und zu guckte er mir über die Schulter.In Wirklichkeit brauchte er ja nur einen Stern mit dem Auge zu peilen und er sah am genauesten wie ich steuerte.Zuweilen schaute auch der Kapitän auf der Brücke vorbei. Bei meiner zweiten Reisewar es der Urlaubskapitän Metelmann mit seiner japanischen Frau, er hielt sich sehr zurück.Als Gäste auf meiner zweiten Fahrt hatten wir noch zwei Rickmersnichten an Bord.Zwischen einer und einem unseren Matrosen „Pedder von der Insel“ entwickelte sich eine echte Beziehung. Zum einen passten sie sehr gut zusammen, zum anderen war Pedder ein ganz feiner Kerl, der jeder Frau überall eine Ehre gewesen wäre.Zusammen waren ein schönes Paar.In China haben sie nach chinesischen Riten geheiratet. Sie sind danach auch offen an Bord als Paar aufgetreten.Das weitere konnte ich nicht mehr nachverfolgen. Wenn er seine Patente gemacht hat, wovon ich ausgehe, hat er sicherlich eine gute Karriere bei Rickmers gehabt.Pedder war der beste, den ich dort kennengelernt habe.Er hat auch offen und vorurteilsfrei über meine Fehler an Bord mit mir hinten an der Waschmaschine, unbeobachtet von anderen in Anwesenheit seiner Frau darübergesprochen. Pedder hatte eine eigene Kammer, sie habe ich nie sauber machen müssen.Im Nachhinein wünsche ich ihm und seiner Frau alles erdenklich Gute.Er muß auf seiner Insel kein Schlecht kennen gelernt haben.Wieder ging es durch die Malakkastraße nach Singapur zum Bunkern kleine Stückgüter abladen, dabei waren einige der Besatzung in eine Lokalität der Mannfrauen (Shemales) geraten und konnten sich gerade noch so zurückziehen,bevor sie Prügel bezogen. Die hatten gedacht das wären Frauen.Danach direkt weiter nach Sihanoukville, Kambodscha, die Schnellboote abladen.Das mit den Booten ging schnell, sie wurden samt des Transportunterbaus aus Holz
rechts und links ins Wasser gesetzt.Schlimmer war der Munitionsladeraum, ein Drittel hoch gestapelt, das Zeug wog ja.Es waren keine Schauerleute da, wir lagen wegen unsere Tiefgangs durch dasWalzblechs auf Reede.Meine Vermutung war, der seichte Hafen war für ein Schiff unserer Größe sowieso nicht geeignet und außerdem spielte eine nicht unberechtigte Angst, es könne etwaspassieren eine Rolle.Wir Decksleute mussten also da runter. Mit Stahlnetzen haben wir die Kisten raus geholt, gegen Ende knackte schon mal unser Stahlnetz. Wir hatten sie überladen.Die Kollegen kamen herunter in den Raum und brachten uns kalten Zichorienkaffee als Flüssigkeit, damit wir nicht umkippten.Zuletzt kamen die in den Ecken gelagerten Torpedokisten an die Reihe, nur noch die Stahlleine dran und dann raus aus den Ecken.Da rumpelten und donnerten sie dann über die Zwischendecksbohlen, je weiter zur Mitte desto schneller, die Beobachter am Lukensüll (Offizielle aus Kambodscha)gingen in Deckung, das heißt sie nahmen reißaus, vom Süll weg. Wenn nur einsdieser Dinger hochgegangen wäre, hätte ihnen und uns das nichts mehr genützt.So gab es für uns Ladezuschlag bei der Heuer.

  

Weiter nach Thailand.
Mit der Stahllast lagen wir viel zu tief für Bangkok.Der Vertrag lautete jedoch auf thailändischen Schienen mußten die beiden Henschelloks mit unserem Schwergutgeschirr abgesetzt werden.Auf Reede kam ein altes amerikanisches Landungsboot aus dem zweiten Weltkrieg,wohl eins der größten. Eine Woche Stunde um Stunde wurde unser englischer Walzstahl umgeladen, dann ging es mit der Tide nach Bangkok und die Loks wurden entladen und auf die Schienen gesetzt und mit der nächsten Tide ging es ab zurück zu unserem Walzstahl.Ich hörte nur die Worte unseres Ersten: „ An seiner Stelle möchte ich nicht sein.“ Er meinte den Kapitän des Landungsbootes. Es wäre wie ein Stein gesunken.Das Niedrigwasser gab uns armen niederen Dienstgraden mal gerade ebenso die Zeit mittags unseren sexuellen Bedürfnissen behelfsmäßig gerecht zu werden. Dann war aber auch schon Schluß.Ein kurzer Landgang, in den Gaststätten lauter Soldaten, alles Amerikaner. Richtig,von der Tonkingkrise hatten wir ja auch schon gehört. Der Vietnamkrieg war im Gange.Wieder zurück zum Landungsboot, wieder den Walzstahl auf unser Schiff.Die Matrosen, die ja über mehr Geld als wir Jungleute verfügten, ließen sich ihre Frauen über Ticket beim zuständigen Offizier abrechnen. Da die Mädels ja nicht so teuer waren, konnten die das eine Woche genießen.Natürlich war ich auch auf dem Landungsboot. Eigentlich recht langweilig, aber die hatten neben dem Deckshaus an Backbord, als Brücke kann man das nicht recht bezeichnen, ein Fernglas auf einem Drehteller, ein schlechtes Glas, aber eineVergrößerung von mindestens 20X200. An den Rändern verzeichnete es, wie auch mein billiges 7X50, aber es war der helle Wahnsinn. Leider habe ich mit dem Eigner nicht versucht zu handeln, es mangelte mir ja auch an Geld.Für die Menschen die den Stahl bei uns verluden, war unterdessen eine kleine Infrastruktur entstanden. Wir hatten eine Küche an Deck, an der die Arbeiter sich Essen holen konnten.Das Deck lebte wieder eine Woche in einer asiatischen Welt. Ein Leben und Treiben.Einer unserer Maschineningenieure hatte sich ein Schauglas aus der Maschine genommen und schoß damit als Blasrohr vom obersten Deck des Achteraufbaus mit Erbsen auf die an Deck Tätigen. Als da ein Aufruhr entstand, haben sie allerdings die Beine in die Hand genommen. Die Thais haben diesen Spaß nicht verstanden.Unterdessen baggerte ich eins von den Mädchen an, ihr kleiner Bruder teilte mir nur mit „Seow don´t come“ Sie war keine käufliche.„Darling give me looksee“Ich weiß es nicht mehr, ob zu diesem Zeitpunkt oder auf der Rückfahrt war, daß wir mit der „Peter Rickmers“ zusammen auf Reede lagen. Einige haben jedenfalls die Gelegenheit gesucht uns gegenseitig zu besuchen. Es waren aber nur sehr wenige.Auf den Reeden bestand immer die Möglichkeit kostenlos von einem Schiff zum anderen gefahren zu werden und zurück. Ich habe mir die „Peter“ angeschaut. Ein völlig anderes Schiff, trotz äußerlicher Ähnlichkeiten.Zurück auf unserem Heimatplaneten haben wir die Kollegen erstmal über die Preise der Damen aufgeklärt, die zahlten nämlich das Doppelte wie wir.Unser Tarif war eine Nacht für zwanzig Mark gleich einhundert Bath.Die Mädels waren tagsüber auch bei uns, aber unsere Jungs waren ja schon bedient.So fragte mich eins von den lieben Mädel, um mal zu schauen wie es auf der „Peter“gerade ausschaut : „Darling, give me your „looksee“.“ Sie meinte damit mein gerade in Singapur oder Hongkong erstandenes neues 7X50, damalig schlechter japanischer Qualität.In Italien habe ich es auf der Rückreise mit kleinem Gewinn verkauft.Auch der Elektriker der „Peter“ unterhielt sich mit mir. Ich hatte ja nicht das Sprache der Seeleute drauf, sondern sprach normales Deutsch.Deshalb vertraute er sich mir an. Er wäre wieder zur See gefahren, um das noch mal zu erleben, aber er wäre erschüttert über die Primitivität der Seeleute.Ich war ja mitten drin und kannte meine Leute, von den Arschlöchern hielt ich michfern, davon gab es aber nur einige wenige. Aber auch sie hatten keinen Draht, außer dummen Sprüchen, zu mir.Wenn ich von den einfachen Menschen auf unserem Schiff spreche, möchte ichihnen beileibe nicht weh tun. Es waren ehrliche, einfache Seeleute, die nur eine kurze Schulausbildung genossen hatten. Das Elternhaus hat ihnen nicht mehr bieten können. Diese waren ja selbst nicht gefördert worden. Aber sie hatten alle ein Ehrgefühl.Vom menschlichen Ausschuß, der sich zu allen Zeiten auf der See herumgetrieben hat wollen wir absehen.Auf Reede vor Hongkong trafen wir die „Peter Rickmers“ wieder.Ich bin dort an Land gegangen, das große Ferrieboat habe ich auf meine Bitte selbst steuern und anlegen dürfen.Die Erinnerungen an Hongkong sind verblaßt. Viele Geschäfte und dieDoppeldeckerstraßenbahnen. Und viel Verkehr auf den Straßen.

 

Auslaufen Hongkong
Wir sind auf dem Achterdeck. Wieder schönstes Wetter, viele Decksleute sind achtern nach dem Losschmeißen der Leinen. Die Maschine wird angeblasen. Der Gasgeruch wabert über das Achterdeck.Ein Geruch der mir Jahrzehnte in der Nase hing und mich jedesmal an die Seefahrt erinnerte und in mir schmerzliche Gefühle erweckte, wenn ein Dieselmotor angelassen wurde, wäre ich doch nur weiter auf See geblieben.An den Bergen Hongkongs vorbei, es öffneten sich Buchten mit tausenden Dschunken, unendlich.


Dann wieder China,Kanton und anderswo
Mit einem Leichtmatrosen an Land in Kanton Ein Eindruck, neben uns liegen Dschunken, sie sind völlig aus Holz gebaut, auf ihnen leben ganze Sippen. Ein Kontakt ist unmöglich. Wir beobachten nur ihr Leben.Wir gehen von Bord und befinden uns zwischen unendlich vielen Chinesen in der Stadt , sie sind zuvorkommend zu uns, oder halten sich zurück.In einer Druckerei erklärt uns eine junge Frau voller Stolz das ist jetzt unsere Druckerei, obwohl wir kein Wort Chinesisch verstehen ist uns das sofort klar.Ein Stolz der Menschen, der für uns nicht so einfach nachvollziehbar war.Sie schenkt uns eine Kleinigkeit.Ich erblicke eine blonde Chinesin und folge ihr, sie zeigt mir ihren kleinen Tempel in ihrem Haus.Ich bedanke mich und gehe meiner Wege. Eine richtige Schönheit.Große Teepaläste in denen alte Leute Teetrinken können.Wir können uns völlig unkontrolliert bewegen.Wir bewegten uns in einem friedlichen Land. Wir könnten unsere Brieftaschen liegen lassen, sie würden uns mit dem Geld zurückgebracht. Wo wir auch hinkommen alles friedliche, hilfsbereite, ganz liebenswerte Menschen.An meinem Ausgangsort lasse ich mir vom Busfahrer auf chinesisch aufschreiben,wie das heißt, wohin ich zurückkommen soll.Weder er versteht mich, noch ich ihn.Alles funktioniert, auf irgend einem gottverlassenem Dorf kehre ich um und fahre wieder zum Schiff.Im vollbesetzten Bus ein blutjunger Soldat. Voller Stolz hält er eine großen Korallenblock in den Händen, ein Stück ist abgebrochen. Per Zeichensprache frageich ihn, ob ich das haben dürfe. Ich darf.Wenn der Bus halten sollte, mußte man einen herabhängenden Draht mit Plusladung an das Metall des Busses drücken, dann klingelte es beim Fahrer.Dazwischen Straßen kilometerweit mit Radfahrern oder Fußgängern (so wie bei unsAutos), ganz China scheint unterwegs zu sein.In jedem Dorf Häuser mit Babygemälden, da war ich wohl falsch.Ich hatte einen Zivilisationsschock !!! Aber andersherum. Alles, was ich bisher kanntewar auf den Kopf gestellt.Wieder auf Fahrt nach Nordchina durch die Formosastraße. Dort erlebe ich das Schauspiel der Kontrolle durch den amerikanischen Zerstörer im Nebeldunst.Gespenstig. Wir durften weiter fahren.
Dann Einlaufen Irgendwo und weiter nach Shanghai. Warten auf die Tide, Anblasen der Maschine, es war früh morgens.Der erste, der zweite Zylinder sprang an beim vierten gab es einen leichten Knall.Das hört man selbst im dicksten Schlaf an Bord. Der Seemann ist verwachsen mit seinem Schiff, selbst die kleinsten Unregelmäßigkeiten nimmt er war.Die Maschine mußte auf dem Yangtse auf Reede repariert werden.

 

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