Berichte und Erinnerungen der ehemaligen Seemannsschüler Falkenstein aus Ihrer Seefahrtzeit

 

  Seite  1    2 

 

Einlaufen Shanghai
Wir liefen, man kann sagen bis in die Innenstadt von Shanghai, den Huangpu River flußaufwärts und machten schräg gegenüber der Prachtstraße Bund (Waitan) fest.Auf dem Kai waren mittlerweile dutzende Fahrradrikschas versammelt und warteten auf Kunden. Sie wußten, was auf sie zukam. Wir aufgefrischt, runter vom Schiff in die Rikschas und auf zum Seamen´s Club Shanghai. Es entspann sich ein Wettrennender Rikschafahrer zum einen untereinander, zum anderen zwischen uns Seeleuten.Über die Brücken, sie waren alle gewölbt sprangen wir ab und schoben mit. Ein tolles Erlebnis.So was wie Trinkgelder gab es damals in China offiziell nicht, sie haben es aber nicht bereuen müssen.Dann der Seamen´s Club Shanghai,so etwas war in der Welt einmalig !!! Ich gehe davon aus, daß man bis heute für Seeleute in der ganzen nie wieder so etwas grandioses verwendet hat.Heute ist er ein Waldorf Astoria Hotel „On The Bund“. Usprünglich war er der„Shanghai Men´s Club“ in den dreißiger Jahren.Der Thresen war mindestens zwanzig Meter lang. Ältere Fahrensleute berichteten. Erwäre früher doppelt so lang gewesen. Es stimmt.Wir wurden dort wie wahre Gäste behandelt und geachtet.Gleich beim erstenmal erzählte mir einer unserer Männer, wenn Du einen einzelnen Seemann dort singend hörst, ist es ein Engländer.Und es war so, er saß allein an seinem Tisch mit etwas Bier und sang englische Lieder. Die Chinesen ließen ihn gewähren, er hat mit Sicherheit nichts kaputt gemacht. Das hätte keiner dort nicht gewagt.Die Preise waren selbst für einen Moses erschwinglich. Reis mit Eiern, Pfennige.Tee fast geschenkt. Mit meinen 100 Mark als Mosesgehalt konnte ich mir ja wirklich nichts leisten, wo doch schon 20 Mark für die Vögelei in Bangkok und mehr für denKauf des 7X50 drauf gegangen waren.
Unsere chinesischen Ausgaben wurden allerdings gegengerechnet und kamen als Devisen ihnen zugute. Nur das konnte die Preise so niedrig halten.
Besuch einer chinesischen Oper im Kino Irgendwo in China habe ich eine chinesische Oper im Kino besucht.Nach der qualvollen Musik und der für Europäer unverständlichen Handlung habe ich die Vorführung verlassen. Das Kino, kein kleines, war jedoch randvoll.Fotografieren in Shanghai und auf See Für die Seefahrt hatte ich mir auf Empfehlung eine preiswerte aber gute Adox Polo 1S und den Belichtungsmesser Sixtino von Gossen gekauft. Beides mit Rabatt. Siehaben mich nicht im Stich gelassen.Für die Fahrt hatte ich mir drei 36er Diafilme von Agfa mitgenommen. Es hätte die dreifache Anzahl im Nachhinein betrachtet sein müssen.Aber alles geschah ja nur im Rahmen meines finanziellen Budgets.In den Gewässern China war das Fotografieren absolut verboten.In Shanghai, als wir gegenüber dem Bund lagen, habe ich es trotzdem getan.Schauerleute hatten mich beobachtet, als ich das Foto vom Bund von Deck aus aufnahm.Ich bin um den Fotoapparat und mein Leben schnell in das Innere des Schiffs gerannt. Dorthin sind sie mir nicht mehr gefolgt. Ich hatte Glück gehabt und das Foto ist heute in meinem Album.

 
Eindrücke

An Bord kamen ab und zu chinesische Offizielle, man hätte glauben können es wären katholische Pfarrer mit ihren hochgeschlossenen, dunklen Jacken und Anzügen. Die gleichen gab es auch in Grau.Die gewöhnlichen armen Schweine hatten alle, ob Mann oder Frau blaue Hosen,Hemden und Jacken an. Aus heutiger Sicht gesunde, baumwollene Bekleidung.Unsere Hafenarbeiter hatten korbgeflochtene Schutzhelme.Das waren auch die, die hinter mir her rannten, als ich fotografierte.In Shanghai kam der Herr Tsu zu uns an Bord und versuchte uns zu betreuen.So richtig haben wir Europäer seine Geschichten nicht abgenommen.Er hat auch Besichtigungen an Land organisiert. Es waren neu errichtete Bauernsiedlungen. Unsere Matrosen erinnerten sie an Schweineställe. Es war ein armes Land im Aufbau.Outsche hat dem natürlich einen draufgesetzt: In Deutschland wären die Felder sogroß, daß man nach einer Fahrt einen neuen Traktor brauchte. Der alte würde dann dort stehen gelassen. Herr Tsu hat das gelassen genommen. Selbst in dem damaligen China hatte man eine gewisse Kenntnis von Seemannsgarn.Wo man auch nur in den Städten lang ging gab es überall Fahrradgeschäfte. Es waren wohl mehr Werkstätten. Das ganze Land war ein Fahrradland. Holland war gar nichts dagegen. Es waren unendlich viele.

 

Einlaufen in den ersten chinesischen Hafen

Wir hatten einen besonderen Begriff dafür: „Stunde der Nation“Die gesamte Mannschaft hatte an Steuerbord vor dem Salon des Kapitäns anzutreten.Dort waren chinesische Offizielle, unsere Offiziere, der Kapitän und unsere Seefahrtbücher.Nach Dienstgrad wurden wir dort überprüft. Seefahrtbuch, Gesicht und so weiter.Das Ganze spielte sich natürlich immer zwischen ein und drei Uhr nachts ab.An Backbord mußten wir warten, bis wir wieder in unsere Kammern zurückgehen durften.In der Zwischenzeit war unser ganzes Schiff gefilzt worden. Die hatten fast meterlange Stableuchten. Am nächsten morgen waren wir natürlich recht geschafft und durften sofort weiter arbeiten.Danach hatten wir allerdings in den chinesischen Häfen Ruhe. Dort fand keine Kontrolle mehr statt.

 

Auslaufen Shanghai nach Norden

Aus Shanghai ausgelaufen fuhren wir die chinesische Küste nach Norden.Abends an der Ostküste Chinas eine militärische Übung der Flugzeugabwehr.Es fing an, daß ich Leuchtspurgeschosse sah. Wir fuhren an der chinesischen Küste nach Norden und es wollte nicht aufhören.Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Ich war ja ein Nachkriegskind.Aus der Entfernung betrachtetet flogen die Geschosse in einer Kurvenbahn.Völlig logisch. Sie müssen ja auch mal runter fallen.Das ging so die ganze Küste nach Norden weiter. Alles schön bunt.Es war tatsächlich eine Großübung. Ich habe sie stundenlang beobachtet.Ein imponierendes Schauspiel.Danach wieder Häfen auf Häfen in China.Unter anderem Dalien (Dairen) und Tsingwantau (lautmalerisch) der nördliche Hafen in Höhe Pekings.Für dreihundert Mark fuhren einige unserer Besatzung nach Peking.Ich besuchte das nördlichste Tor der Chinesischen Mauer. Auf dem Tor chinesischeRentner, die uns freundlich gesinnt waren. Ich nahm ein handinnenflächengroßes Teilstück der chinesischen Mauer mit.Überall wurden wir in den chinesischen Seamen´s Clubs herzlich empfangen.Ich war als Moses so pleite, daß ich mir mit chinesischem Geld keinen Tee mehr für fünf Fen kaufen konnte, deutsches hatte ich sowie so nicht. Ich hatte Andenken für meine Familie gekauft und mich verausgabt. Die im Vergleich zu uns bettelarmen
Chinesen, schenkten mir als sie sahen, daß ich keinen Fen mehr hatte eine Kanne Tee im Club.Diese Solidarität mit uns einfachen Seearbeitern war für uns unvorstellbar. So etwas hatten wir noch nirgendwo erlebt.Für mich als unerfahrenen Seemann und ideologisch unbeeinflußten in einer konservativen Familie aufgewachsenen jungen Mensch war das eine völlig andere Welt, die mich von da an geprägt hat und die mich bis heute noch formt.Ich habe die Solidarität hart arbeitender Menschen untereinander kennengelernt.Für diese Erkenntnis bin ich dem chinesischem Volk bis heute dankbar. Mein weiterer Lebenslauf ist entlang einer solchen Linie gefolgt. Ich bin dabei nicht immerauf Gegenliebe gestoßen.Aber die Chinesen konnten auch anders, wenn es zur Sache ging.Mit meinem Moseskameraden sahen wir das baugleiche amerikanischeLandungsboot in einem chinesischen Hafen, das unsere Blechlast in Thailand vorübergehend geparkt hatte, die riesigen Landungspforten weit geöffnet. Wir wurden neugierig und blieben stehen, schon schlossen sich die Riesentore. Wir gingen zur Gangway, wir durften das Boot nicht betreten. Glücklicherweise haben wir nicht fotografiert.Am nächsten Morgen wurden wir in den Aufenthaltsraum der Mannschaftsmesse gerufen. Dort wartete bereits ein chinesisches Gericht in Militäruniformen auf unsunter Anwesenheit unseres Kapitäns und einer chinesischen Frau in Uniform, die so etwas wie eine Verteidigerin darstellen sollte..Wir wurden der Spionage angeklagt.Unsere Argumente, wir hätten das gleiche Boot schon in Thailand gesehen und wollten es hier einmal im Originalzustand anschauen, wurden vom Tisch gewischt.Die Anklage stand. Nach vielem hin und her und dem Nachweis unserer proletarischen Herkunft hat uns das chinesische Volk verziehen und nur verwarnt.
Was uns der Kapitän danach gesagt hat, müssen wir hier nicht weiter erörtern.

 

Böses auf See
Wir hatten auf meiner zweiten Fahrt ja unseren neuen Koch, an den Bäcker erinnere mich nicht mehr.Mit dem Koch verstand ich mich gut, er war aus Süddeutschland und hat die Mannschaft gut versorgt. Zeitlich kann ich es nicht mehr genau einordnen, es war im tropischen asiatischen Meer auf See: Der Koch und ein Assi (Maschinenassistent) hatten sich geprügelt.Der Koch erzählte mir seine Geschichte, ich glaube sie.Der besoffene Assi hatte ihn bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt, mit letzter Kraft hatte sich der Koch befreit und ihn daraufhin zusammengeschlagen.Der Koch hatte blaue Flecken am Hals, wie ich sie noch nicht einmal in einem der heutigen Krimis im Fernsehen gesehen habe. Der ganze Hals war tiefblau.Die Bordwand an der sich das ganze abgespielt hat, war über und über blutverspritzt von dem Assi. Der Koch hat sie uns gezeigt.Die Schiffsführung verhielt sich in Schweigen. Der Assi hat danach nur noch Dienst in der Maschine getätigt. Außerdem war er zwei Wochen krank. Ich habe ihn danach gesehen. Er sah nicht gut aus. Aus meiner damaligen und auch heutigen Einschätzung hat sich der Koch nur das Leben gerettet. Alle in der Mannschaft hatten die gleiche Auffassung. Der Assi hätte ihn umgebracht.Irgendwo in der chinesischen See.Nachts unendlich viele Dschunken minimalst, wenn überhaupt beleuchtet. EinAusweichmanöver nach dem anderen.Das gleiche Tage später bei guter Sicht, 180 Dschunken, ich habe sie gezählt.  

  

mmm

 

Etha Rickmers

© C.Kandler

Rückreise Bangkok

In Bangkok nahmen wir einen „Rübersegler“ auf. Er war durch Australien und Kambodscha gewandert und hatte sich dort sein Geld als eine Art Zimmermann verdient. Er hatte auch die Tempel von Angkor Vat besucht. Mit ihm habe ich mich prächtig verstanden. Er sprach ein klares Deutsch. In der Mannschaftsmesse sagte er einmal nur mit dem Armin, mein zweiter Name, kann ich mich hier unterhalten.Von ihm bekomme ich wenigstens vernünftige Antworten.Auf der Rückreise begegneten wir in der indischen See einem der Rickmersschiffe R.C. oder eher Paul, wir umkreisten uns bei herrlichstem Wetter mit viel Typhon. Ein tolles Ereignis. Die Funker hatten den Kontakt schon länger vorbereitet.Auch dem zweiten Rickmersschiff sind wir begegnet, ich weiß nur nicht mehr wo.Aber wir fuhren ja die gleiche Linie.Danach gerieten wir in einen starken Sturm. Zum Teil umfuhren wir ihn, jedoch nicht ganz.Am Abend genossen wir noch den hohen Seegang. Wir waren auf dem Achterschiff nur ein Deck höher gestiegen, da ging die See bereits bei der nächsten Welle darüber, wo wir vorher gestanden hatten. Und das alles im schönsten Sonnenschein.Mein Gedanke war damals nur: verdammt Glück gehabt.Morgens merkte ich schon in der Koje sehr früh durch die ruckartigen Bewegungen,daß da mächtig was los war.Der nächste Tag, die Stahlstrecktaue über die Luken des Mitteldecks, an denen wir uns bei Sturm entlang hangelten standen noch, nur die Holztreppen waren bis auf ihre Stahlklampen verschwunden.In unserer Mittagspause setzten wir uns auf die Leeseite des Oberdecks auf dem Achterschiff. In dem warmen Sommersturm, kurz auf die Luvseite geschaut, die Haare standen glatt nach achtern, zurück auf Lee, wir hatten das schönste Wetter.Dunkelblaue See, weiße Kämme und ein sich in den Seen wälzendes Schiff.Der Kahn legte sich über und nahm jede Menge Wasser mit. Wenn er richtig lag und eine der Seen kam, waren das tausende Tonnen, die das Mitteldeck fluteten. Ein unbezahlbares Schauspiel, das uns die Natur in Echt und ungemildert bot.Naturgewalt in ihrer völligen Freiheit.Hatte ich dabei Angst ? Nein niemals !Ich hatte Wachdienst nach dem Sturm, die See ging noch hoch und sollte dem Wachhabenden einen Tee und ein Brot holen. Das ging für mich ja nur aus der Mannschaftsmesse bzw.Pantry.Alles wie gehabt mit Brot und eine Mug Tee vom Achterschiff zum Brückenaufbau.Ausgerechnet da im schlechtesten Licht der untersten Treppe des Brückenaufbausfällt mir das Käsebrot herunter und ausgerechnet mit dem Gesicht auf eine Kokosmatte. Ich habe alle Kokosfasern im fahlen Licht herausgeklaubt und das Brot wieder auf die Mug gelegt, er hat es nicht gemerkt.Daß ich den Tee dabei im Mund warmgehalten hätte, wäre gelogen, es wäre auchzuviel gewesen. So etwas gab es nur auf den alten Segelschiffen.

 

Kap Gardafui
Den Leuchturm am Kap Gardafui konnte man schon von sehr weitem auf dem somalischem Hochplateau sehen. Ich sah ihn bei dieser Fahrt erstmals bei Tage.Selbst bei Google Maps ist er heute schlecht zu finden.Zur Orientierung hatte ich meinen Diercke Schulatlas von 1957 mitgenommen, der uns als Schüler übereignet worden war.Mein besonderes Interesse galt der vorüberziehenden italienischen Insel Pantelleria,von der ich noch nie gehört hatte, ebenso der liparischen Insel Vulcano und besonders der im Golf von Aden gelegenen zu Jemen zugehörigen Insel Sokotra.Sie ist bis heute eine rätselhafte Insel von der die Welt so gut wie keine Kenntnisnimmt.Erst durch das Internet habe ich Näheres über dieses beinahe unberührte Eiland erfahren können.

 
Golf von Aden

Morgens Vierachtwache. Ich war noch am Brückefegen gegen acht, da hieß es plötzlich Moses ans Ruder.Uns kam ein italienischer Fahrgastdampfer in voller Fahrt auf Kollisionskurs entgegen. Der Wachhabende hatte bereits mit der Signalpistole geschossen und die Ruderautomatik ausgeschaltet.Jetzt hieß es nur noch „Hart Ruder Steuerbord“, die „Etha“ legte sich schwer über und begann zu drehen. Danach hart Ruder Backbord und wieder auf Kurs gehen.Das war leichter gesagt als getan. Die Kompaßrose und besonders die Einsergrade rasten nur so durch.Schon begegnete uns der Dampfer, die Brücke war menschenleer, im Vorbeifahren konnten wir durch den hell erleuchteten Saal im Dampfer hindurchsehen. Glück gehabt.In der Mannschaftsmesse war die große Back mit Hafergrütze umgefallen und die Grütze hatte sich verteilt. Als ich nach acht Uhr zum Frühstück kam war das Unglückbereits beseitigt worden.

 
Djibouti

648 Rinder haben wir dort als Decklast für Suez übernommen und drei Betreuer.Aufgrund von Mißverständnissen (keiner an Bord sprach französisch) schliefen sie auf den Luken. Das rote Meer war auf dieser Fahrt recht ruppig und kühl.Mir vertrauten sie sich aufgrund meiner geringen Französischkenntenisse an, aber auch ich habe sie nicht richtig verstanden. Sie hätten neben dem Kapitän auf der Brücke wohnen und schlafen können.Eines der Rinder war schon in Djibouti aus dem Netz gefallen. Der Aufschlag auf die Pier hörte sich grauslich an. Ich habe das Krachen noch heute in den Ohren. Es war das erste, das starb. Ich höre noch heute das Platschen der Rinder, als sie in die See fallengelassen wurden. Das Verladen der Rinder war für die Tiere eine harte Sache.Durch den Marsch von ihren Weideplätzen zum Hafen waren sie sowieso schon geschwächt.Drei Rinder mußten wir im Roten Meer über Bord werfen, sie waren gestorben.Es war eine wie schon gesagt unangenehme und ruppige Überfahrt.


Wieder im Mittelmeer
Unsere ersten Häfen Civita Vecchia und Livorno.Dort haben wir unsere Ladung Sojabohnen und Tapioka aus China und Thailand gelöscht. Ich behaupte bis heute die Italiener haben daraus Olivenöl hergezaubert.Dort habe ich auch mein 7X50 Hongkongglas ohne Verlust verkauft.Von Civita Vecchia sind wir nach Pisa gefahren, wie weiß ich nicht mehr.Wir waren auf dem Pisaturm, der hatte innen kein Treppengeländer, trotzdem bin ich hoch.Ich habe Fotos gemacht, um die Verhältnismäßigkeit der Winkel des Turms festzuhalten.Und zurück in eine italiänische Kneipe. Wir haben dort Rotwein getrunken und ich bin auf dem Stehklosett zusammengeklappt.Als ich mich wieder aufgerafft hatte hat mich der Wirt spät in der Nacht mit dem Auto zum Schiff zurück gefahren. Ich danke ihm unbekannterweise bis heute.An die unrühmliche Situation in dem Stehklosett und der Rückfahrt kann ich michnoch sehr genau erinnern.An Bord war ich sofort wieder nüchtern und habe meine in Hongkong sogenannte„maßgeschneiderte“ Hose sofort ausgewaschen. So schlimm, wie ich befürchtet hatte, war aber es nicht.Der nächste Hafen war Casablanca.Dort mußten der chinesische grüne Tee und die gefrorenen Enteneier raus.Zwischendurch mußten wir um an die Räume heranzukommen Teekisten umstapeln und 80 Kilo Säcke beiseite schaffen. Unter Deck und mit„Sonnenleuchten“.Wir waren damals unterteilt in die Wachgänger und die Tagelöhner.Als „Auszubildender“ gehörte ich beiden Kategorien an. Es wurde also fleißig geschafft.Als Seemann gerät man immer in die verrücktesten Abenteuer oder Situationen.So auch hier. Also in Casablanca los.Als ich in einem Laden nur ein fünftel des Angelrutenpreises bot , wurde ich gefragt,ob ich ein Jude sei. Ich habe sie nicht gekauft.Nachts in einer berüchtigten Kneipe, die von zwei Österreicherinnen betrieben wurde. Es sollten da die verrücktesten Dinge auf dem Thresen stattfinden. An diesem Abend jedenfalls nicht. Neben uns stand immer ein friedfertiger Polizist. Es war eineder verruchtesten Kaschemmen in Casablanca. Die anwesende Österreicherin erzählte die tollsten Geschichten, sie hätte nie als Prostituierte gearbeitet. Das wäre ihre Schwester gewesen.Vielleicht habe ich da ein Bier oder sowas getrunken, mehr nicht. Die jungen arabischen Frauen sahen sehr gut aus. Es waren richtige schöne Mädels. Man hätte sie vom Fleck weg heiraten können.Ich hatte aber für nichts mehr Geld und habe einem Araber meine zwei letztenPäckchen Zigaretten gegeben um sie für Geld umzutauschen.Ich fasse es bis heute nicht, der Kerl kam tatsächlich zurück und hat mir den ausgemachten Umtauschpreis gezahlt. Ich habe dafür eine Kiste Orangen gekauft.Leider mußte ich auch in Casablanca zum Zahnarzt, aber selbst das ist gut ausgegeangen.

 
Einlaufen Antwerpen

Es war eine kalte Nacht und ich mußte die Schelde aufwärts die Lotsenleiter runter lassen und wieder einholen. Das war härteste Arbeit und ich habe bitterlich gefroren.Ich war dort allein.Am nächsten Morgen in Antwerpen wurde ich von einem kleinen Mann abgeholt und hatte den Tag frei. Es war mein belgischer Onkel Eric. Ich habe ihn garnicht erkannt,wir hatten uns mehr als zehn Jahre nicht gesehen. Als ehemaliger Nautiker arbeiteteer im Hafen und wußte, wann mein Schiff einlief. Er war sofort auf die Brücke gegangen und hatte meine Dienstbefreiung erwirkt. Auf meinen Wunsch brachte er mich später mit einem kleinen englischen Auto nach Hove bei Antwerpen zu meinemanderen Onkel Geoffrey und der Tante Erna.Man muß dazu anmerken, daß er als zweiter Offizier dabei war, wie sie ein Frachtschiff in Santander auf den Strand gefahren haben. Nüchtern war bei dieser Angelegenheit keiner.Er durfte sein Patent behalten und ist danach noch weiter bei der Compagnie Maritim Belge gefahren.Onkel Eric ist während des zweiten Weltkriegs auf englischen Schiffen fünfmal von deutschen U-Booten torpediert worden und hat im Pazifik die Nagasakibombe von seinem Schiff aus gesehen.Die Familie mütterlicherseits ist im ersten Weltkrieg vor den Deutschen aus Oostende nach England geflohen und mein Onkel wurde dort während des Kriegesgeboren und war er automatisch englischer Staatsbürger.Onkel Geoffrey dagegen hat auf der Seite der Deutschen in Rußland gekämpft und Tante Erna hat in Deutschland auf einem Bauernhof gearbeitet. Meine Mutter hat meinen Vater als belgische Krankenschwester in Frankfurt kennen und lieben gelernt. Bis zu meinem zweitem Lebensjahr war ich selbstverständlich auch Belgier.So spielt das Leben in einer Familie.Unsere Ingenieure hatten in Antwerpen mal wieder ausgiebig Gebrauch gemacht von den Damen des Landes. Da ich nur die „wärmere und vermeintlich herzlichere“ Art des Gewerbes aus Thailand kannte, waren das völlig neue Erfahrungen. Sie näher zu erleben hatte ich weder Zeit noch Geld.
Weiter ging es nach Bremerhaven und dann nach Hamburg. Hier stieg der Rübersegler aus. Er bekam noch vom Kapitän mit harrschen Worten auf den Weg,daß eigentlich der erste deutsche Hafen für Rübersegler der Aussteigeort sei.Ich musterte ab.
Ende meiner Seefahrt

 

Nachwort
Diese Schilderung meiner kurzen Seefahrt schildert nur die herausragenden Ereignisse dieser bewegten Zeiten.Tatsache ist, jeder Tag bestand aus härtester Arbeit.Beim Einlaufen in einen Hafen mußten manchmal alle Ladebäume klar gemacht werden.Das bedeutete stundenlanges Arbeiten mit schweren Stahlgeschirren. Die Preventer mußten aus ihren Luken herausgeholt und die Ladebäume aus ihren Sicherungen bereitgestellt werden.Die schweren Manilaleinen zum Festmachen ebenso. Jedesmal waren dabei drei Seeleute am Gut am Schaffen.Nach dem Verlassen des Hafens alles in umgekehrter Reihenfolge. Zusätzlich mußte das Schiff nach dem Löschen der Ladung gründlich gereinigt werden. Es sah aus wie „Sau“.Die Quertraversen des Schwergutbaumes und deren Befestigungen wogen Tonnen und alles wurde von uns von Hand gemacht.Von sechs Uhr bis zum Frühstück haben wir in den Laderäumen Teekisten und andere 80 Kilo Säcke umgestapelt.Oder wir haben leere Räume gereinigt im Licht der „Sonnenleuchten“, der Name ein Hohn..Ich bin in der Bilge herumgekrochen und habe Sojabohnen herausgeklaubt. Danach sah ich aus wie ein Schwein.Und dann wurde man noch als Moses ausgelacht.“So ist das nun mal bei der Seefahrt. Sohaben wir alle angefangen.“Auch das tägliche Reinigen der Matrosenkammern der Waschräume, der Duschen und der Gänge war keine wahre Freude. Die eigene Kammer kam dabei immer zu kurz.Eine weitere Seite beinhaltete die Pantryarbeit. Frühstück, Smoketime, Mittag, wieder Smoketime und Abendessen. Alle Teller usw hinstellen, Tee oder Kaffee zu kochen und dann das Essen aus der Küche zu servieren, anschließend der Abwasch und die Tische abwischen.Es waren ausgefüllte Tage. Über Arbeitsmangel konnte sich keiner beklagen.Die Bedienung des Schwergutbaumes haben nur erfahrene Matrosen unter der Aufsicht eines ebenfalls erfahrenen Offiziers tätigen dürfen. Das gleiche galt für die Bedienung der anderen Ladebäume.Alle Arbeiten an Bord am Ladegeschirr waren gefährlich. Nur die genaue Einhaltung der Sicherheitsvorschriften konnte Unfälle verhindern. Dazu gehörten erfahrene Matrosen und Offiziere.Um es korrekt zu beschreiben, alle Arbeiten an Bord waren lebensgefährlich.Und das Schiff rollt oder stampft oder es macht beides gleichzeitig. Jeder Seemann weiß,wie sich das anfühlt. Er merkt es nur noch, wenn es extrem wird.Zur Ehre der Matrosen muß gesagt werden, wir Mosesse wurden nie bei den gefährlichen Arbeiten eingesetzt. Das war ein ehernes Gesetz.Ich bin ein einziges mal in den Hintern getreten worden. Das einzige mal in meinem Leben.Ich weiß nicht mehr wer es war. Sonst würde ich ihn beim Namen nennen. Langfristig gesehen hat es mir nicht geschadet, aber doch das Ehrgefühl gekränkt.Nach über fünfzig Jahren nach der Seefahrt und einem danach abgerundeten Leben, seheich ihm darüber hinweg (So ein mieses Arschloch, ich könnte ihn bis heute noch erwürgen !!! R.I.P, Friede seiner Asche).Sicherlich fragt sich der eine oder andere, was ist aus dem Decksjungen danach geworden?Lehre , Bundeswehr, Lehre, Abitur, Studium.Sozialpädagoge in der StadtverwaltungKassel. Alles in dieser Reihenfolge. Sie hatten mich aus der Lehre herausgezogen! Jugendbetreung, Flüchtlingsarbeit und zuletzt Vormundschaftstätigkeit bei der StadtKassel. Jetzt Rentner und Ehemann. Und ich habe es fast vergessen Gärtner und Waldarbeiter auf eigenem Grund.


Christian Kandler
im Oktober 2017

 

-Ende -

 

 

   
     

 

Zurück